Benedikt XVI., der vielfach zu komplizierten und verklausulierten Formulierungen neigt, sprach in diesem Fall Klartext. Er machte deutlich, dass er die vielfältigen Erwartungen kannte, die an ihn gerichtet wurden. Dass er Bescheid wusste, über die Spekulationen der vergangenen Monate über ein "ökumenisches Gastgeschenk". Erwartungen, die für ihn jeglicher Grundlage entbehrten: "Dazu möchte ich sagen, dass dies ein politisches Missverständnis des Glaubens und der Ökumene darstellt." Denn Kirche und Glaube folgen für den Papst anderen Gesetzen als Staat und Politik.
Damit griff der Pontifex auf, was schon am Donnerstagabend in seiner Predigt im Berliner Olympiastadion anklang, als er jene Katholiken in die Schranken wies, die sich für grundlegende Reformen in der Kirche starkmachen. Ihnen warf er eine "oberflächliche und fehlerhafte" Vorstellung der Kirche vor. Sie sei nicht "eine der vielen Organisationen innerhalb einer demokratischen Gesellschaft, nach deren Maßstäben und Gesetzen dann auch die so sperrige Größe 'Kirche' zu beurteilen und zu behandeln ist". Suche nach Kompromissen hat für Benedikt in der Kirche keinen Platz.
Das Kirchenoberhaupt sprach in Erfurt vor allem Grundsätzliches an, betonte katholisch-evangelische Gemeinsamkeiten. Damit setzte er sich über die Erwartung hinweg, sich zu einem aus Sicht von Bischöfen beider Kirchen sehr drängenden Problem zu äußern: der Tatsache, dass konfessionsverschiedene Ehepaare sonntags nicht gemeinsam zum Abendmahl oder zur Kommunion gehen können. Dabei hatte der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider in seiner Rede eigens noch auf das Problem hingewiesen.
Von der Enttäuschung über das Schweigen des Papstes zu dieser Frage könnte in nächster Zeit noch viel die Rede sein. Doch sollte darüber nicht übersehen werden, welche Signale von diesem Treffen dann doch ausgehen. Der Papst warb für ein Ökumene-Verständnis, durch das die Kirchen in erster Linie starke Verbündete in einer Gesellschaft werden sollen, die sich für Religion immer weniger interessiert.
Ökumene soll demnach gemeinsames Zeugnis sein - auch in konkreten gesellschaftlichen Debatten über ethische Themen wie Sterbehilfe und Präimplantationsdiagnostik. Eine ökumenische Geste des Papstes an die Protestanten war auch, dass er in Erfurt freundliche Worte für Luther fand, in dem er ausführlich dessen "Ringen um Gott" würdigte.
Der EKD-Ratsvorsitzende lieferte dann auch noch ein sichtbares Zeichen für dieses Streben nach mehr Miteinander: Nach der Predigt Benedikts beim ökumenischen Gottesdienst erhob sich Schneider von seinem Sitz, um auf den Papst zuzugehen und ihn zu umarmen. Das Treffen in Erfurt war in erster Linie eine Manifestation dessen, was für Christen beider Konfessionen schon gemeinsam möglich ist. Nicht mehr, aber immerhin.
dapd
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